Die Ohnmacht der Mächtigen

George Orwell hat in seiner Kurzgeschichte „Shooting an Elephant“ einen Blick auf das Wesen von Macht geworfen. Die Geschichte spielt in Indien. Ein britischer Kolonialoffizier wird von Einheimischen wegen eines wild gewordenen Elefanten um Hilfe gerufen. Der Beamte zieht los. Er findet den Elefanten, ruhig und friedlich in einem Reisfeld stehend. Kein Grund, ihn zu erschießen. Aber der Beamte spürt die Blicke der Menschen in seinem Rücken. Er wird von der Erwartung derjenigen, die eigentlich zu ihm aufschauen sollten, vorwärtsgedrängt. Er will den Elefanten nicht schießen, aber er muss, sonst verblasst seine Autorität.
Tatsache ist, dass auch einer heutigen Führungskraft die Macht aus der Hand genommen werden kann, indem man sie zwingt, ihre Macht zu behaupten. Im Extremfall verbraucht die Kontrolle, die ausgeübt werden muss, alle Energie. Man bleibt auf dem Fahrrad, aber man kommt nicht weiter.

Der heiße Stuhl
Führungskräfte sind Führungskräfte, weil sie Führungskräfte sind. Theoretisch. In der Praxis haben selbst Naturtalente ein Problem: Sie müssen liefern und zwar möglichst vorgestern. Chefsessel können Schleudersitze sein. Dabei sind, auch wenn sie es gerne verbergen, auch Chefs Menschen. Führungspersonal braucht Zeit, um in seine Position hineinzuwachsen. Führung braucht Zeit, braucht Erfahrung, braucht auch die Muße – ein wundervoller Begriff, der so gar nicht in die Hektik des Geschäftslebens passen will – um über seine Aktionen und Reaktionen nachzudenken, sie zu bewerten und daraus für die Zukunft zu lernen. Denn Fakt ist, dass wir zwar viele Dinge theoretisch wissen, sie in der stressigen Situation eines Mitarbeitergespräches aber nicht abrufen können und immer wieder in jene Verhaltensweisen zurückfallen, die wir selbst als falsch eingestuft haben. Wie gesagt, es braucht Zeit und Erfahrung. Man muss in eine Führungsposition hineinwachsen, erst dann kann man sein volles Potenzial entfalten und in das Unternehmen einbringen.

Breite Brust gefragt
Nur wer nichts macht, macht keine Fehler. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass auch die Mitarbeiter mit ihrem Chef Geduld haben sollten. Eine gewisse Fehlertoleranz ist notwendig. Damit kommt ein weiterer Faktor ins Spiel – das Selbstbewusstsein. Natürlich ist ein gesundes Selbstbewusstsein Grundvoraussetzung, um auf einem Chefsessel Platz zu nehmen. Selbstvertrauen ist der Treibsatz der Karriere. Aber es erlaubt auch einzugestehen, dass man Fehler gemacht hat, ebenso wie es die positive Überzeugung vermittelt, dass man denselben Fehler nicht wiederholen wird. Obwohl es Managerseminare gibt, in denen Führungskräfte auf ihre Aufgaben vorbereitet werden, läuft es doch immer wieder auf das Prinzip von Versuch und Irrtum hinaus. Darüber kann man Gedichte schreiben. Man kann auch sagen: So ist es eben, machen wir das Beste daraus.

Der Umweg zum Ziel
„Willst du schnell zum Ziel, dann nimm einen Umweg.“ Das ist natürlich wieder einmal Zen-Weisheit, führt aber dennoch zum nächsten wichtigen Aspekt. Man kann seine Energie darauf verschwenden zu jammern, warum einem immer diese blöden Hindernisse in den Weg kommen. Man kann seine Energie damit verschwenden, hasserfüllt auf dieses Hindernis zu starren. Man kann aber auch, und dies wäre unser Vorschlag, darüber nachdenken, was das Ziel war und wie man es trotz des Hindernisses erreichen kann. Siehe oben, Stichwort „Umweg“. Das Problem ist nicht das Problem, sondern derjenige, der noch keine Lösung dafür gefunden hat. Es gilt also Möglichkeiten zu finden, Auswege auszuloten, neue Verbündete zu gewinnen. Das kostet Energie, aber es ist die Energie der Dampflok, die den Zug ins Ziel bringt. Und es zeigt sich, dass Selbstvertrauen wie ein Schneeball am Hang ist. Hat es seinen Weg gemacht, dann wächst es immer mehr und gewinnt an Momentum.

Leben in zwei Welten
Chefs müssen, im Idealfall, Empathie für ihre Mitarbeiter empfinden, sich mit deren Sorgen und Problemen befassen. Auf der anderen Seite ist das moderne Geschäftsleben kein Ponyhof. Leistung muss sein. Und ein Chef ist derjenige, der sie manchmal einfordern muss, der Entscheidungen zu treffen hat. Eine Gratwanderung, die je nach Größe des Teams und seiner Zusammensetzung eine belastende Herausforderung sein kann.
„Bei einem Tässchen Tee darüber reden“ ist ein Klischee. Was aber nichts über den Wert dieses Vorschlags aussagt. Nicht jeder ist mit strahlendem Charisma auf die Welt gekommen. Aber jeder kann aus Fehlern lernen, Selbstkritik üben und vor allem die Macht nicht als Selbstzweck oder als Stütze seines Ego nutzen, sondern als das, was Macht sein sollte: ein Werkzeug, um die richtigen Dinge zu erreichen.